LAMENTI

Von einer fernen Zeit, in der gesungene Dissonanzen noch Schrecken auslösten, in unsere Zeit, in der Meldungen von Katastrophen als etwas Alltägliches wahrgenommen werden, führt der Bachchor Salzburg mit seinem Programm „Lamenti“. Ein polyphoner Auftakt zum Zyklus „Chorage“ mit vielen nuancierten Stimmen der Klage von tiefer Trauer bis zu Liebesschmerz und auch Hoffnung auf das Paradies.
Tickets im Kartenbüro der Internationalen Stiftung Mozarteum, Theatergasse 2; Tel.: +43 (0)662 87 31 54

Die alttestamentarischen Klagelieder über die Zerstörung des Tempels der heiligen Stadt Jerusalem ein halbes Jahrtausend vor Christi Geburt hinterließen auch zwei Jahrtausende später noch tiefe Eindrücke der Furcht und Trauer, wenn sie in vielstimmigen Kompositionen der Renaissance erklangen. Der Königliche Kapellmeister Thomas Tallis komponierte in England in der turbulenten Zeit nach dem Übergang vom Katholizismus zum Protestantismus über alle innerkirchliche Konflikte hinweg weiterhin in der Form katholischer lateinischer Gesänge. Wer sich auf seine „Lamentationes Hieremiae Prophetae“ einlässt, wird in ihren Zuspitzungen der Vielstimmigkeit zu dissonanten Akkorden in Momenten größter Klage auch heute noch vom Schrecken über die Zerstörung des Heiligsten erfüllt werden.

Musik eines halben Jahrtausends

Als ein halbes Jahrtausend nach Tallis’ Lamentationen in Europa ein Weltkrieg tobte, erhob der französische Komponist Francis Poulenc 1941 in Paris mit einem Mariengesang seine und seiner Mitmenschen Stimme zum Himmel und setzte den Schrecken auf der Erde eine Meditation mit Anklängen an gregorianischen Choräle und neuen Harmonien der inneren Stille entgegen. Als musikalische Gottheit verehrte Poulenc sein Leben lang Mozart, der noch in seiner Wunderkindzeit bei einem Aufenthalt in der Ewigen Stadt Rom ein „Kyrie“ als fünfstimmigen Kanon für Sopranstimmen schuf, hörbar unter dem Eindruck der kontrapunktischen Schule in der päpstlichen Kapelle.

Auf eine der irdischen Katastrophen – dem Schiffsunglück der Fähre „Estonia“ 1994 im Baltischen Meer – reagierte der finnische Komponist Jaakko Mäntyjärvi mit „Canticum calamitatis maritimae“, in dem mittelalterliche Traditionen in volksmusikalische Anklänge, Psalmton und moderne Kompositionsformen übergehen. Am Übergang von geistlichen in weltliche Sphären singt der Bachchor von „feierlichen Klageliedern mit klösterlichen Stimmen“, wie es in Charles Stanfords Partsong „Farewell, my joy“ heißt. Menschlicher Liebesschmerz gänzlich auf ironische Weise kommt in Ralph Vaughan Williams’ Madrigal „Love is a sickness“ zum Ausdruck, während Ariadne in Claudio Monteverdis Klagegesang vom Schicksal in voller Wucht getroffen scheint. Die Liebesbandbreite spannt sich von einem paradiesischen „Farewell-Song“ Hubert Parrys bis zu einem Abschiedslied von Liebenden, Ernest John Moerans Folksong „Sailor and Young Mary“.
Überwölbt werden die Klagegesänge von traumhaften Harmonien in Jean Sibelius’ lichtvollem Chorsatz „Drömmarna“ und in Samuel Barbers wehmütigem Kanon „Lament“, den der Gesang des Bachchors in die Unendlichkeit tragen wird.

15. März 2019, 19.30 Uhr, Christuskirche Salzburg
 

Thomas Tallis (1505–1585): Lamentationes Hieremiae Prophetae

Claudio Monteverdi (1567–1643): Lamento d’Arianna

Francis Poulenc (1899–1963): Timor et tremor, Salve regina

Samuel Barber (1910–1981): A Lament (Kanon a 3)

Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791): Kyrie – Kanon a 5 KV 89

Hubert Parry (1848–1918): Songs of Farewell
     I My Soul
     II I Know My Soul Hath Power To Know All Things
     III Never, Weather-Beaten Sail

Jaakko Mäntyjärvi (* 1963): Canticum Calamitatis Maritimae

Jean Sibelius (1865–1957): Drömmarna

Ralph Vaughan Williams (1872–1952): Love is a sickness

Charles Stanford (1852–1924): Farewell, my joy!

Earnest John Moeran (1894–1950): The Sailor and Young Nancy
 

Bachchor Salzburg
Alois Glaßner (Musikalische Leitung)

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